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Gemeinsamkeiten entdecken und Vorbehalte überwinden

 

Frank Scheider, Leitung Touristik bei der Lebenshilfe Bonn gGmbH

 

 

Eine Jugendfreizeit in Kooperation von Behindertenhilfe und Jugendarbeit

Bei dem hier beschriebenen Beispiel handelt es sich um eine 14-tägige, inklusive Jugendfreizeit, durchgeführt im August 2017 nahe Husum in Norddeutschland. Teilnehmende waren Jugendliche und junge Erwachsene zwischen elf und 22 Jahren. Als Projektpartner für diese Freizeit haben sich die Ev. Thomas-Kirchengemeinde Bad Godesberg in Bonn und die Lebenshilfe Bonn zusammengefunden. Unter insgesamt 34 Teilnehmende befanden sich 14 Menschen mit geistiger und (teilweise auch stärkerer) körperlicher Beeinträchtigung. Betreut wurde die Gruppe von elf Teamerinnen und Teamern beider Projektpartner.

Ziel des Projekts war es, im Rahmen einer Urlaubsreise für alle Teilnehmenden einen Raum zu schaffen, an dem eine wertschätzende Begegnung auf Augenhöhe stattfinden konnte. Die individuellen Kompetenzen der Teilnehmenden hinsichtlich Toleranz, Einfühlungsvermögen und gegenseitiger Achtung sollten gestärkt werden. Beide Projektpartner verstanden die Reise als Ort non-formaler Bildung, die Angebotscharakter hat und von Freiwilligkeit geprägt sein sollte. Gemeinsamer Anspruch war es, allen Teilnehmenden die Chance zu geben, ihre eigene Handlungsfähigkeit zu stärken.

In insgesamt drei Arbeitssitzungen und an mehreren Kreativtagen wurde über einen Zeitraum von einem halben Jahr das Konzept der Reise entwickelt und der Programmablauf gestaltet. Vom ersten Tag an waren alle elf Teamer in die Erarbeitung eingebunden. Das Ergebnis war eine lebendige Tagesstruktur, die auf der einen Seite Verbindlichkeit schuf, auf der anderen Seite aber auch viel Platz für die Individualität und Kreativität der Teilnehmenden ließ.

Jeder Tag startete mit einer sich durch die gesamte Freizeit ziehenden Erkennungsmelodie. Für viele Jugendliche mit Behinderung war dies ein wichtiger Orientierungspunkt, um dem Ablauf folgen zu können. Für andere stiftete die Melodie ein Gemeinschaftsgefühl und kündigte einen neuen Programmpunkt an. So war es nicht mehr wichtig, ob man die Uhr lesen konnte oder nicht. Das Frühstück wie auch alle anderen Mahlzeiten wurden gemeinsam und in bunt gemischter Sitzordnung eingenommen. Im Anschluss an das Frühstück startete die Gruppe mit einem circa 20 minütigen Morgenimpuls in den Tag. Inhaltlich wurde dieser Impuls durch eine kleine Gruppe von drei bis vier Teamern geplant und umgesetzt. An den Morgenimpuls schloss sich bis zum Mittag eine erste Workshop-Phase an: Jeweils von einem oder zwei Teamern betreut, gab es verschiedene Bastel-, Sport- und Kreativangebote. Nach dem Mittag konnte sich eine zweite Workshop-Phase oder auch ein Ausflug anschließen. Pro Woche gab es zusätzlich noch einen Ganztagesausflug – einmal nach Föhr und einmal nach Flensburg. An das Abendessen schloss sich jeweils ein verbindliches Abendprogramm mit Teamwettspielen, Karaoke-Singen oder gemeinsamem Lösen von Quizaufgaben an. Jeweils gegen 22:15 Uhr wurde der Tag durch einen Abend- oder Nachtimpuls beendet. Nach den notwendigen Pflegeleistungen für Teilnehmenden mit Unterstützungsbedarf traf sich das Team jeweils noch zur Analyse, zu Feedback und einer Planungsrunde. Hier wurde der/ die verantwortliche Teamer*in für den nächsten Tag ermittelt, besprochen, welche Ansagen wichtig sein würden, und pädagogische Vorgehensweisen abgestimmt. Geleitet wurden die Runden in täglichem Wechsel von je einem/einer Teamer*in.

 

Lebenshilfe Bonn gGmbH

Es zeigte sich, dass die Teamer*innen durch die lange und intensive Vorbereitung der Reise ein harmonisches Wir-Gefühl entwickelt hatten. Es spielte keine Rolle mehr welchem Projektpartner man angehörte, welcher „Freizeittradition“ man entstammte. Die gemeinsam entwickelte Tagesstruktur verband und wurde geschätzt; niemand „fremdelte“ mit dem Tagesablauf. Die Workshop-Angebote ließen Freiraum für die jeweiligen Vorlieben, Stärken und Qualitäten jedes einzelnen Teamenden, und die Teilnehmenden hatten die Chance, den anderen Teamer*innen persönlich begegnen zu können. Sämtliche Angebote waren gut geplant und notwendige Materialien bereits gekauft. So konnte situations-, nachfrage- oder auch wetterbedingt reagiert und das Programm individuell angepasst werden.

Viele Herausforderungen galt es schon im Vorfeld der Reise zu bewältigen oder zu klären, um Konflikte zu vermeiden und sich klar als Projektpartner positionieren zu können. Diese Inhalte wurden noch vor Beginn der Arbeitstreffen und Kreativtage, auf Leitungsebene der beiden Projektpartner, abgestimmt. Zu klärende Spannungsfelder waren unter anderem:

  • das Nebeneinander von bezahlten und ehrenamtlichen Teamer*innen, entsprechend der jeweiligen Tradition der Projektpartner,
  • die Unvereinbarkeit von Förderprogrammen der Behindertenhilfe mit denen der Jugendhilfe und umgekehrt,
  • die Frage, welcher Projektpartner haftender Veranstalter ist sowie Fragen zur Reisepreissicherung und zur Anstellung der Teamer*innen,
  • Fragen zur Verwendung eines möglichen Überschusses oder einer finanziellen Unterversorgung des Projekts,
  • Fragen zum Krisenmanagement und zur Öffentlichkeitsarbeit der Projektpartner,
  • Fragen zur Buchungsabwicklung und Verteilung der Teilnahmeplätze auf die Projektpartner,
  • Fragen zur Gestaltung der Teilnahmepreise.

 

 

Trotz sorgfältiger Planung entstand im Verlauf der Reise Konfliktpotential aufgrund des inklusiven Charakters des Reiseprojekts. Beispielhaft sei hier ein Konflikt mit dem Reinigungspersonal des Quartiers erwähnt. Als Einrichtung der Behindertenhilfe war es das Personal gewohnt, dass die Betreuer*innen bzw. Teamer*innen der Jugendlichen mit Behinderung die Zimmer, Koffer und Schränke aufräumten, damit geputzt werden konnte. Nun hatte man es nach Jahrzehnten mit homogenen Behindertengruppen plötzlich auch mit nicht behinderten Jugendlichen zu tun und war das Chaos in den Zimmern dieses Personenkreises nicht gewohnt. In alter Tradition erwartete man, dass die Teamer*innen hier aufräumen oder die Jugendlichen disziplinieren würden. Das in der klassischen Jugendarbeit geltende Prinzip, dass Zimmer und Taschen der Jugendlichen für Teamer*innen tabu sind, um so die Eigenverantwortlichkeit zu stärken und Vertrauen zu schaffen, wurde nicht akzeptiert. Das Ganze eskalierte im Austausch von Fotos in der WhatsApp-Gruppe des Reinigungspersonals, die Wäscheberge und unaufgeräumte Zimmer zeigten. Für klärende Gespräche und Bitten, nur die Flure und Sanitärbereiche zu putzen, die entsprechenden Zimmer aber auszulassen, war man nicht zugänglich. Hier half am Ende nur, Druck auf den Geschäftsführer der Einrichtung auszuüben, damit dieser sein Personal zur Mäßigung anhielt, Fotos löschen ließ und neue Reinigungsabläufe anordnete. Man war in dieser Unterkunft so an stellvertretend handelndes Verhalten von Betreuer*innen bei Behindertengruppen gewohnt, dass dies jetzt auch im Umgang mit nicht behinderten Jugendlichen erwartet wurde. Inklusion stellt eben auch eine Herausforderung an die Quartiere dar, und nicht immer ist die Problemstellung dort nur baulicher Natur.

 

Was hat dieses inklusive Reiseprojekt nun so besonders wertvoll für alle Beteiligten gemacht? Hier fällt vor allem die effektive gemeinschaftliche Teamarbeit im großen Betreuer*innen-Team ins Gewicht. Sie ermöglichte es, eine sehr große Vielfalt an Programmpunkten anzubieten. So profitierten auch die nicht behinderten Teilnehmenden von dem großen Betreuungsschlüssel.

Zudem war die Wahrnehmung der Vorbildfunktion durch die Teamer*innen für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr entscheidend. Da der Großteil der Teamer*innen bereits Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen hatte, konnten sowohl die übrigen Teamer*innen als auch die Teilnehmenden selbst Normalität für den Alltag gewinnen und so für sich zu einem natürlichen Umgang mit den ungewohnten Situationen kommen. Innerhalb der gesamten Gruppe entstand ein besonders großer Zusammenhalt: In diesem inklusiven Setting wurden Gemeinsamkeiten entdeckt, Vorbehalte beseitigt und Grenzen überwunden. So hat sich der inklusive Ansatz auch deshalb bewährt, weil die Frage „Wie wirke ich auf andere?“, die in der Jugendarbeit stets sehr zentral ist, von vielen Teilnehmenden neu bewertet werden konnte. Wenn beispielsweise Menschen mit Behinderung voller Freude singen, auch wenn es völlig schräg klingt, ihnen der Spaß aber anzusehen ist, dann können diejenigen, die immer erst überlegen, wie sie auf andere wirken, viel leichter lockerer werden und so an Selbstwert gewinnen. Der Zuwachs an individuellen Kompetenzen der Teilnehmenden in Form von Respekt, Achtung und Zusammenhalt der Gäste untereinander, stellt für mich den größten Mehrwert eines inklusiven Ansatzes dar.

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